Fashion Week

Hilfe, ich habe nichts zum Anziehen!

Und es ist schon wieder soweit: die Pariser Fashion Week. Mademoiselle Lili grübelt, wie sie  beim Modemarathon mithalten kann. 


Wer die Pariser Fashion Week in den Medien verfolgt, könnte glauben, es ginge nur um die Mode, die auf den Laufstegen gezeigt wird. Weit gefehlt! Auch die Besucher beäugen sich gegenseitig so kritisch wie die Kollektionen der Designer. Die Fashion Week ist für jeden Beteiligten ein Schaulaufen des Egos. Wie bei jedem Marathon auch: Es geht nicht unbedingt ums Siegen, aber ums Mitmachen. Eigentlich kann man dabei so gut wie alles tragen ­– selbst Turnschuhe, T-Shirt und Jeans sind okay, wenn sie denn von Gucci, Chanel oder Balenciaga sind. Man kann sich auch einen Blumentopf auf den Kopf setzen, wenn es zum originellen Gesamtkunstwerk passt. Was man aber definitiv nicht kann: In Zara oder H&M auflaufen.

Wer Luxusmode geschenkt bekommt, muss entweder sehr berühmt sein oder Influencer. Die Zeiten, wo Modejournalisten quasi wöchentlich zu Presseverkäufen eingeladen wurden, wo echte Schnäppchen zu haben waren, sind vorbei. Doch kaufen zu reellen Boutique-Preisen? Das können, behaupte ich jetzt mal ganz frech, nur Erbinnen, reiche Gattinnen oder Geliebte, Drogendealerinnen, Ölprinzessinnen oder Edelprostituierte. Doch die französische Modemeute ist erfinderisch geworden.

Bei „Arlettie“ am Trocadéro herrscht jede Woche Luxus-Wühltisch. Für 50 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr kann man sich so von Givenchy bis Fendi, von Lanvin bis Zadig & Voltaire durchshoppen, mit satten Rabatten von bis 80%. Entspanntes Einkaufen, das zur Warnung, geht anders. Man steht stundenlang in der Schlange und die Leute drinnen reißen sich buchstäblich um die besten Stücke. Wer wissen will, ob der Seidenfummel wirklich passt, muss einen Striptease hinlegen, denn Umkleidekabinen gibt es nicht.  Doch ein echtes Givenchy-Kleid für 500 statt 2000 Euro nach Hause zu tragen, hat halt seinen Preis. 

Und dann blüht in Frankreich der Online-Handel mit Second-Hand-Luxusmode, vermutlich befeuert von den ganzen Influencern und reichen Shopping-Süchtigen, bei denen offenbar die Kleiderkammer platzt. Schließlich wirft die Modeindustrie immer neue Kollektionen in immer kürzeren Abständen auf den Markt und hat damit einen lukrativen Schattenmarkt in Gang gesetzt. 

Dem 2009 gegründeten Pariser Startup „Vestiaire Collective“ ist es gelungen, in wenigen Jahren zum europäischen Marktführer aufzusteigen. Im Jahr 2017 setzte das Unternehmen 140 Millionen Euro um, der Erlös wächst jedes Jahr um nahezu 70 Prozent. Auf „Videdressing“ werde ich ebenfalls oft fündig: Ob fast neue Prada-Schuhe oder Armani-Sonnenbrille, ab 100 Euro konnte man hier bis vor kurzem noch so einige Schnäppchen abgreifen. Doch die Nachfrage ist groß, und die Privatanbieter ziehen die Preise entsprechend nach oben. Was ich zunächst belächelt habe, war die Idee einer Holländerin in Paris, eine Online-Mietagentur für Luxus-Handtaschen zu gründen (www.sacdeluxe.fr). Für 80 Euro die Woche kann man dort beispielsweise eine Chanel-2.55-Handtasche mieten. Also gut, dachte ich, punkte ich diese Fashion Week doch mal mit einer geliehenen (sieht ja keiner) Hermès-Birkin-Bag für 300 Euro die Woche. Von wegen! Die Warteliste für die Miet-Birkin ist ähnlich lang wie die der Kaufwilligen bei Hermès selbst. Die Frage bleibt: Was, um Himmels Willen, ziehe ich bloß an?